Schrott

„Reden wir Schrott“ – Plädoyer für den Schrotthandel

Das „Deutsche Wörterbuch“ der Gebrüder Grimm führt auch den Begriff „Schrott“ auf, der damit sozusagen in den Adelsstand der Sprache erhoben wird. Allerdings ist der Eintrag äußerst knapp, es wird nämlich lediglich auf den mehrseitigen Artikel über „Schrot“ verwiesen. Hier erfährt der geneigte Leser dann, dass Schrot beispielsweise ein von einer Münze abgeschnittenes Stück bedeuten kann oder sich auf zerkleinerte Teile einer ehemals größeren Einheit bezieht.
In der Alltagssprache hat der Begriff Schrott inzwischen eine abwertende Bedeutung. „Das Teil ist Schrott“ meint, dass ein Gebrauchsgegenstand entweder seine Funktionstüchtigkeit verloren hat oder aber die erhoffte Qualität und Brauchbarkeit gar nicht besitzt. Und wenn die holde Lebenspartnerin den Satz „Rede doch keinen Schrott“ äußert, ist es sowieso an der Zeit die Diskussion zu beenden und einen Blumenstrauß zu kaufen. Der schlechte Ruf ist verständlich, schließlich handelt es sich bei Schrott auf den ersten Blick um puren Abfall.

Abfall, aber kein Müll

Es gibt Schrott, der war Sekunden vorher noch Teil eines wertvollen Werkstückes. Doch dann kam die Fräsmaschine oder die Drehbank und nun liegt auf dem Boden der Werkhalle ein weiterer metallischer Span. In der metallverarbeitenden Industrie fällt dieser sogenannte Neuschrott an. Dieses Material zu sammeln und einer Wiederverwertung zuzuführen ist ein Grundgebot klugen Wirtschaftens. Und wird im besagten Fall auch noch dadurch erleichtert, dass man weiß, um welches Material es sich handelt und meist keine komplizierte Technologie zur Sammlung und sortenreinen Trennung notwendig ist. Mal abgesehen von einem Besen.
Komplizierter wird es, wenn beispielsweise Autos, Flugzeuge, Eisenbahnen, Maschinen, Schiffe oder allgemein metallhaltige Gegenstände altersbedingt aussortiert werden. Hier spricht man vom Altschrott und was an der Drehbank der Firma XY der Besen der mehr oder weniger motivierten Azubis erledigt, ist in diesem Fall die Aufgabe von hochspezialisierten Unternehmen, die dem Autowrack mit physikalischer Raffinesse und High-Tech-Ausrüstung zu Leibe rücken.
In unseren Breiten sind in den allermeisten Fällen Altwagen das Objekt der Bearbeitung. Schiffe werden auf sogenannten Abwrackwerften in Schrott zurückverwandelt. Nach Schätzungen werden von 100 Schiffen, die zum Abwracker geschleppt werden, 70 bis 80 in Bangladesch, China, Indien und Pakistan verarbeitet. Besonders bekannt – und wegen der Arbeitsbedingungen berüchtigt – sind die Abwrackwerften am Strand des pakistanischen Gadani, nahe Karatschi am Arabischen Meer. Hier werden die Schiffe ohne weiteren Aufwand mit voller Maschinenkraft auf den flachen Strand gefahren. In den Spitzenzeiten arbeiteten rund 30.000 Arbeiter in der dortigen Abwrackindustie und produzierten pro Jahr etwa 1 Millionen Tonnen Stahlschrott. Die Arbeitsbedingungen und Sicherheitsstandards sind allerdings, wie schon angedeutet, ein anderes, düsteres, Kapitel.
Es zeigt sich hier jedoch, wie wertvoll und begehrt Schrott ist. Eine Zahl kann dabei genügen. Derzeit verbrauchen die Stahl- und Gießereiunternehmen weltweit über eine halbe Milliarde Tonnen an eisenhaltigem Schrott (Fe-Schrott).

Daumen hoch für Schrott

Die Verwertungsbetriebe machen sich in mehrfacher Hinsicht verdient. Da ist einmal die Tatsache, dass Altwagen, die am Straßenrand oder im Wald vor sich hinrosten, keine Bereicherung des urbanen Umfeldes oder der Natur sind. Gut also, wenn sie Richtung Schrotthändler verschwinden. Nicht in allen Ländern wird das so rigoros gehandhabt wie in unseren Breiten, aber südländische Lockerheit ist in diesem Fall nicht angebracht.

Denn erstens gehen von der Altfahrzeugen Gefahren für die Umwelt aus. Wer seine alte Rostlaube ins Wäldchen fährt, wird sich vorher nicht um die Entsorgung gefährlicher Stoffe gekümmert haben. In dieser Hinsicht übernimmt die Altautoverwertung eine hohe Verantwortung und wird ihr dank zahlreicher Vorsichtsmaßnahmen auch gerecht.

Der zweite Punkt ist der Schrottschatz, der in jedem Wagen steckt. In jedem Automobil ist eine Vielzahl von Materialien verbaut, beinahe alle können auf die eine oder andere Art wieder- oder weiterverwendet werden. Teils recht überraschend für den Laien, wenn man beispielsweise ehemalige Sitzpolster als Heizmaterial einsetzt oder letzte Reste des einst stolzen Automobils als Zuschlagstoffe für die Bauindustrie nutzt.

Schrott ist pure Energie

Wesentlicher Punkt für den Wert, den Schrott hat, ist die Energie, die man braucht oder eben nicht braucht, um Neumaterial zu gewinnen. Um Stahl aus Erz zu gewinnen – also der „konventionelle“ Weg der Verhüttung – braucht man doppelt so viel Energie, als wenn man Stahlschrott als Ausgangsstoff zur Verfügung hat.
Schrott & Altmetall

Um das Beispiel zu konkretisieren: Pro Tonne Stahl liegt die Energieersparnis so hoch, dass eine vierköpfige Durchschnittsfamilie damit ihren Energieverbrauch für ein halbes Jahr decken könnte. Und dies wohlgemerkt bezogen auf eine einzige Tonne Stahl. Da kommt also was zusammen, wenn man sich die 21 Millionen Tonnen, die pro Jahr allein in der deutschen Stahlproduktion verbraucht werden, vor Augen führt. In der gesamten EU sind es dann schon 116 Millionen Tonnen.

Trennung ist wichtig

Das Beispiel eines Automobils zeigt, dass die höchst unterschiedlichen Materialien erst einmal getrennt werden müssen. Kabelschrott, Elektronikschrott, verschiedene Leichtmetalle sind nur drei willkürliche Beispiel für die Vielfalt, die sich hinter dem Begriff „Schrott“ verbirgt.
Die Bedeutung des Rohstoffes Schrott unterstreicht, dass es ein „europäisches Schrottsortenliste für Fe-Schrotte“ gibt. Zu den möglichen Einteilungskriterien von Schrott gehören die Größe der Teile oder das Ausgangsmaterial wie Blech, Kupfer, Aluminium und so weiter. Schließlich ist die Reinheit ein wichtiger Maßstab. Das klingt zuerst einmal seltsam, wird aber einleuchtend, wenn man sich den Unterschied zwischen einem Kupferrohr und einem Kupferohr mit aufgeschweißter Dämmfolie verdeutlicht. Je raffinierter die Schrottverarbeitung, desto sortenreiner ist der Schrott. Das schlägt sich dann auch in den Preisen nieder. Je nach Material kann der Preis für eine Tonne Schrott wenige Euro betragen, aber bei besonders reinem und wertvollem Material auch eine fünfstellige Summe erreichen.

Wiederverwertung? – Da geht noch was!

Der Recyclinganteil von Stahlschrott wird für die USA mit 60% angegeben, in der EU liegt er bei 56%, Deutschland liegt mit 45% knapp vor Russland und Japan. 45%? Ja, hallo, das klingt doch nach einer Steigerungsmöglichkeit! Natürlich ist der Anteil auch der Tatsache geschuldet, dass dortzulande vor allem hochwertige Spezialstähle gekocht werden, während man das Geschäft mit der Massenware längst der ausländischen Konkurrenz überlassen musste.

Im Grunde ist die Sache mit dem Schrott in Österreich gut organisiert. Altmetall kann an kommunalen Sammelstellen abgegeben werden oder wird durch die Sperrmüllabfuhr entsorgt. Daneben gibt es den klassischen Schrottsammler, der zwischenzeitlich fast verschwunden war und inzwischen mit seiner Glocke oder seinem Musikgedudel wieder dazugehört. Nicht immer zur Freude der Kommunen, denn die können mit dem Altmetall ebenso gut Geschäfte machen wie der Kleinunternehmer, der sammelnd umher fährt. Für den betroffenen Bürger ist es allerdings meist von Vorteil, wenn er sich nicht mit Anträgen und Terminen herumschlagen muss, sondern dass es ausreicht, den alten Kram an den Straßenrand zu legen.

Wie auch immer – als zweite Stufe kommt der – wieder einmal „klassische“ – Schrottplatz ins Spiel, auf dem der Schrottsammler seine Beute verkauft. Schrottplatz klingt nicht nach viel, könnte aber ohne Übertreibung als „Kompetenzzentrum für Recycling“ firmieren. Hier finden sich die Fachkräfte und die Technologie, um das Altmetall zu sortieren und zu säubern. Der letzte Schritt ist das nicht, denn von hier aus wandert der Schrott teilweise zu einem weiteren Spezialisten, der sich beispielsweise um den Kabelschrott oder um den Elektronikschrott kümmert. Vorzugsweise beim Kabelschrott ist es wichtig, den wertvollen Kupferdraht von der Isolierung zu trennen und dies – in unseren Breiten selbstverständlich, in anderen Ländern leider seltener praktiziert – ohne Mensch und Umwelt durch giftige Abfallstoffe zu gefährden. Neben den Betreibern von kleineren Schrottplätzen gibt es in Österreich eine knappe Handvoll größerer Unternehmen, die ihren Schrott meist direkt von der Industrie beziehen.

Schrott ist ein Vorbild

Wiederverwertung ist eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Aufgabe. Der Schrotthandel hat hier in Bezug auf Altmetall eine Effizienz und eine Qualitätsstufe erreicht, die für andere Materialien bisher nur ein Zukunftsziel sind. Wer „Schrott redet“ könnte also auch gute Ratschläge für eine kluge Weiterentwicklung geben.